Beschützt in Corona-Zeiten

Heute morgen war ich nach längerer Zeit mal wieder beim Arzt. Als ich zu ihm in den 7. Stock fahren wollte, sah ich schon mehrere Leute vor dem Fahrstuhl stehen, die mit nach oben genommen werden wollten. Ich dachte mir, „ob wohl der Fahrstuhl klemmen würde oder zu langsam wäre“ und eine leichte Panik stieg in mir auf, weil ein festsitzender Fahrstuhl schon immer ein Albtraum für mich war. Doch weit gefehlt. Am Fahrstuhl hing ein  großes Schild: Bitte nur zwei Personen einsteigen! Wieso das dort stand, obwohl es ein Fahrstuhl für 10 Personen war? Corona und daneben auf einem nicht übersehbaren großen Plakat eine Person mit Maske.

Also ordnete ich mich in die Reihe ein und wartete auf den Moment, wo ich endlich einsteigen durfte. Die Frau, die mit mir einstieg, ging sofort in die äußerste Ecke und wandte sich von mir ab, um die Wand anzustarren. Im 5. Stock stieg sie aus und ging die Fahrstuhlwand entlang, um mich unter keinen Umständen berühren zu müssen.

Im 7. Stock stieg ich aus, um zu meinem Arzt zu kommen. Ich öffnete die Tür und landete gleich in einem Wartezimmer, das proppevoll war, wenn man übersieht, dass nur jeder 2 Stuhl besetzt war. Totenstille herrschte und bewusst sagte ich „Guten Morgen“. Alle schauten nach unten und murmelten etwas. Vielleicht hieß das: „Guten Morgen“. Ich schnappte mir einen letzten Stuhl und ließ mich darauf nieder. „Darf ich mal wissen, wer der letzte von Ihnen ist, damit ich weiss wann ich dran bin!”

fragte ich. Grosses Schweigen und alle schauten sich um.

Ich glaube ich!“

murmelte eine Stimme. Wer das war, wusste ich nicht, weil ich nicht rausfinden konnte, welche Maske mir geantwortet hatte.

Eine Weile schwieg ich, dann fing ich an, die Leute anzusprechen. „Sind Sie auch hier, weil Ihr Blutdruck so hoch ist?“ – „Ja,“ antwortete meine Nachbarin, „den kriegen sie nicht richtig hin.“ – „Ist er zu hoch oder zu niedrig,“ fragte ich weiter und erneut antwortete sie: „Zu hoch! Das macht mich total fertig.“ – „Meiner ist auch zu hoch, aber ich merke das überhaupt nicht,“ meinte dann eine andere Maske. Und langsam und allmählich wurde aus den kleinen Sätzen Gemurmel und immer mehr Gemurmel, weil plötzlich jeder etwas sagen oder wissen wollte. Und als die Verständigung immer schlechter wurde, lüpfte der eine oder andere seine Maske etwas, um besser verstanden zu werden. „Mein Blutdruck ist mal oben und mal unten und keiner konnte mir bisher helfen, ihn in den Griff zu bekommen,“ sagte eine andere Maske und dann redeten alle auf einmal. Und als die Sprechstundenhilfe die Lautstärke mitbekam, wollte sie schauen, was los war. Doch kaum erschien sie an der Tür, schwiegen alle wie die Kinder, wenn der Lehrer in die Klasse kam.

Kaum wieder draußen ging das Gerede weiter und ich wollte von anderen wissen, wie sie die Zeit mit Corona bisher überstanden hätten. Und bis auf einen, der die Corona-Zeit toll fand, weil in sein Leben Ruhe eingekehrt war, stöhnten die meisten. „Ich vermisse meine Kinder… ich vermisse meine Enkel… ich will mal gedrückt werden… ich will mal getröstet werden… die Menschen werden mir fremd… über was mag man noch miteinander reden…“ –

Nur über Krankheiten,“ sagte dann einer und das ist ja schon mal was!“

Eine junge Frau kuschelte sich an ihren Nachbarn und sie meinte: „Ich finde, wir sehen alle ziemlich böse aus und keiner lacht mal laut und herzlich. Da kann man sich doch wirklich nicht freuen.“ – „Und ich habe keine Lust, dauernd über Krankheiten zu sprechen.“ – „Dann lasst uns doch alle mal lächeln. Ich möchte sehen, wie sich unsere Augen verändern,“ meinte ich laut und deutlich, um gehört zu werden. Und während wir das taten, sahen sich die meisten in die Augen und bis auf zwei Frauen lachten am Ende alle. Ich fand, mein Arztbesuch war ein Erfolg, Obgleich ich noch gar nicht bei ihm war.

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