Liebe Oma, liebe Mama

Meine Mutter schleppte Tag für Tag das Essen für uns heran und wir wussten eigentlich nicht, was das für sie bedeutete. Es waren die ersten Jahre nach dem Krieg um 1949 und man musste fleißig und schnell sein, wenn man das eine oder andere noch kaufen wollte, was es nur in kleinen Stückzahlen gab. Meine Mutter versorgte uns am Morgen, gab meiner großen Schwester noch Anweisungen, was sie uns anziehen sollte und dann marschierte sie los, das eine oder andere auf dem Markt zu besorgen. Mühselig und beladen kam sie zurück und wir Kleinen warteten erst gar nicht darauf, dass sie sich ausruhen würde, sondern hingen gleich an ihr und an den Taschen, um zu sehen, was sie bekommen konnte. Meist waren das Wurzeln, Steckrüben, Kartoffeln und etwas Salat. Und sie konnte aus allem etwas machen. Dies eine mal, es war Winter und sie fror heftig, als sie ein bisschen zitternd heimkam, brachte sie Apfelsinen mit. Wie die dufteten und wir freuten uns schon auf den Abend, wenn wir sie essen würden.

Meine Mutter zog sich nicht aus, sondern setzte sich dicht an den Herd, in dem das Holz knisterte und blieb eine ganze Weile reglos sitzen. Wir standen um sie herum und warteten, was sie uns sagen wollte. Aber sie sagte nichts. Das war komisch. Nach einer ganzen Weile erhob sie sich, zog den Mantel aus und legte sich mit einer alten Decke aufs Sofa und schlief ein. Meine Schwester murrte schon und fand es gar nicht witzig, dass sie auf uns Kleinen aufpassen sollte. Sie war die älteste und darum musste sie auch die Verantwortung übernehmen.

Also deckte sie meine Mutter etwas widerwillig zu, um sich uns Kleinen zuzuwenden. Bei ihr mussten wir ganz schön brav sein. Und das versuchten wir auch.

Wir spielten ein bisschen, ich zeichnete wie immer und mein größerer Bruder hielt uns alle in Schach, so dass wir leise waren und die Mutter schlafen konnte.

Sie schlief Stunden, so dass meine Schwester Essen zubereiten musste und mein Bruder die Kohlen aus dem Keller holte, damit das Feuer im Herd nicht ausging. Meine Mutter hatte sich eine Erkältung zugezogen und ruhte sich noch ein bisschen aus. Sie lag auf dem Sofa, während meine Schwester uns morgens, mittags und abends versorgte, mein Bruder weiter für eine warme Bude sorgte und wir Kleinen streichelten unsere Mutter den ganzen Tag, weil sie ja wieder gesund werden sollte und Streicheln war die beste Medizin für sie. Hin und wieder kam unser Doktor, der übers Land fuhr und die Patienten einzeln versorgte und gab unserer Mutter Hustensaft und etwas zum Einreiben.

Wir alle warteten darauf endlich die Apfelsinen essen zu dürfen, aber meine Schwester erlaubte das nicht.

Erst wenn Mutti wieder gesund ist,“ sagte sie, „dann gibt es die Apfelsinen. Punkt!“

Draußen schneite es immer mehr und die Wege konnte man schon nicht mehr erkennen. Die Fenster waren zugefroren und immer, wenn uns langweilig war, malten wir Blumen an die Scheiben. Öffnen konnte man die Fenster nicht mehr, wir hätten sie nicht wieder schließen können. Und auf der Fensterbank lagen dicke Schlangen aus Wolle gestrickt, damit die Fenster nicht so den Wind reinlassen sollten, der sich durch die Ritzen mogelte.

Dann endlich war unsere Mutter wieder gesund und es gab ein kleines Fest mit Apfelsinen und meine Schwester hatte dazu Waffeln gemacht, die noch auf den Herdloch in einer Pfanne gebacken wurden, erst von der einen Seite, dann wurde die Pfanne gedreht und von der anderen Seite fertig gebacken.

War das ein Fest.

Wie auf einer Insel lebten wir bis es endlich aufhörte zu schneien und wir Kinder eine Schneeballschlacht in unserem Hof veranstalten konnten. Aber mir war es zu kalt. Ich trug ein Kleid und darunter hatte ich ein Leibchen an, an dem die Strümpfe festgemacht wurden. Da war immer eine Stelle an den Beinen frei und die kratzige Unterhose half auch nicht das ganze Bein zu bedecken. So lief ich meist bald wieder ins Haus und während ich mich aufwärmte, hörte ich noch lange das fröhliche Geschrei meiner Geschwister.

Als endlich dann mein Vater von einer langen Tour zurückkam, wo er Lebensmittel an die Bevölkerung hatte austeilen müssen, war ich sehr froh, dass Mutti gesund war und Vati die Familie wieder beschützte.

Und ich denke noch heute: Es stimmt:

Alles wird gut… irgendwann.

Liebe Oma

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