Paul und Paulchen – Vater und Sohn

Es war kurz vor seinem Auftritt. Paul blickte wehmütig zum Fenster raus und betrachtete den nahenden Abend. In einer halben Stunde würden die ersten Trompetentöne erklingen, er fröhlich auf die Bühne laufen wie immer und dann als Clown im hellen Scheinwerferlicht stehen. Wie immer würde er das Publikum begrüßen, indem er sein Toupet lüftete, und dann kämen schon die anderen Artisten und Mitmacher angelaufen, um mit großem Hallo “Guten Abend” zu rufen. Dann würden sie im Dunkel verschwinden, während er, Paul, die ersten kleinen Witze machte. Und wenn es ihm gelang, die Menschen schnell auf seine Seite zu bringen, so war der Abend schnell ein Erfolg und die Freude blieb im Publikum.

Heute fiel es ihm besonders schwer, denn es war der erste Todestag seiner Frau. Es schmerzte mehr als am Anfang. Da war er eher erstarrt und konnte es nicht glauben. Auch fühlte er sich allein gelassen, als sei sie nur fort gegangen. Aber sie war nicht nur fortgegangen, sie hatte ihn nicht nur verlassen. Nein, sie war tot: umgefallen und einfach gestorben.

So aus heiterem Himmel.

Als die Vorstellung zu Ende war, atmete er tief durch und ging noch einen Augenblick in die Nacht hinaus. Sterne am Himmel und die Luft kühl und sauber. „Wie sollte sein Leben weiter gehen,“ fragte er sich. Die Freude war weg und sein Spiel nicht mehr echt, sondern angestrengt und hölzern. Das spürte er. Doch noch immer hatte er keine Antwort. So jedenfalls wollte er nicht weiter auftreten. Noch hatte sein Direktor nichts gesagt, aber er selber war sich bewusst, dass das Herz fehlte.

Eines Tages trat ein etwas zu klein geratener junger Mann auf ihn zu, als er am Manege Rand saß. „Was muss ich tun, um zu Euch zu gehören?“, fragte er. „Was meinst Du,“ gab Paul zurück. „Ich möchte gerne ein Clown werden wie Sie,“ antwortete der Jüngling. „Was kannst Du,“ gab Paul wieder zurück. „Noch nichts,“ gestand der junge Mann. „Das ist zu wenig,“ war Paul wieder zu hören. „Das stimmt,“ meinte der Junge nun wieder,

aber ich weiß, dass ich Menschen berühren möchte, glücklich machen möchte, sie vielleicht auch traurig werden lassen möchte. Auf jeden Fall möchte ich ihnen Geschichten erzählen.“

Lange sagte Paul nichts, bis ihm der junge Mann wie ein Geschenk erschien. „Sag mal, wie alt bist Du?“ – „18 Jahre!“ – „Willst Du wirklich hier im Zirkus arbeiten?“ – „Ja, nichts lieber als das. Irgendwie glaube ich, dass ich hierher gehöre. Und Sie spielen so allein da in der Arena, so dass ich eigentlich dachte, ich könne mitspielen.“ Er erschrak, weil er seine innere Stimme nach draußen gelassen hatte. Aber Paul schien das nicht zu bemerken.

„Lass uns eine Geschichte ausdenken, die als Pantomime gespielt werden kann. Fang an mir etwas zu erzählen aus Deinem Leben oder denk Dir etwas aus.“ Und so fingen beide an sich ihre Geschichten zu erzählen.  Als Paul von seiner Frau erzählte, weinten beide. Irgendwann holte Paul seine Geige und setzte sie ein für die traurigen wie die glücklichen Momente ihrer Geschichte, die sie nun schon gemeinsam weiter spannen.

Tag für Tag kam der junge Mann und Paul empfing ihn mit immer größerer Freude.

Noch nie war ihm ein junger Mensch begegnet mit so viel Phantasie und Ausdrucksstärke. Noch nie hatte er einen Menschen erlebt, der mit solcher Hingabe sein Spiel spielt. 

Und am Ende ihres gemeinsamen Experiments wussten sie, das sie,  so lange es dauern würde, zusammenbleiben wollten: „Paul und Paulchen.“ Vater und Sohn.

Als sie dann das erste mal gemeinsam auftraten, standen sie im Scheinwerferkegel und konnten den Applaus kaum fassen. Sie hatten die Geschichte eines verlorenen Sohnes gespielt. Und das in einem Zirkus!!

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